Nabelschau

Der Nabel suggeriert wie kein anderes Motiv das Verbundensein mit der Herkunft. Er ist eine Narbe, eine ständige Erinnerung, ein unverwechselbares Erkennungszeichen wie ein Fingerabdruck. Der Nabel bezeichnet die Mitte des menschlichen Körpers. Zeigt man ihn her, so gibt man etwas preis, ohne sich bloß zu stellen, sich komplett zu entblößen. Unser »Nabel der Welt« (ein Lebensgefühl, das in manchen Landstrichen zur Grundausbildung gehört und bis zur Borniertheit ausgelebt wird) ist somit um einiges keuscher als Gustave Courbets »Der Ursprung der Welt« (»L’Origine du monde«) und kann in seiner Mehrdeutigkeit aus vielen Blickrichtungen betrachtet werden. Der Umriss von Österreich als Nabel, wenige Zentimeter über dem Hosenbund gelegen –dieses Sujet könnte ein zeitgemäßes Österreichbild hervorbringen: Österreich kann ein Nabel der Welt sein, offen für Strömungen und Ideen, der unverwechselbare Abdruck der Bewohner eines Landes (die sich abgenabelt haben).

Unser Beitrag erschien am 8.5.2011 auf Seite 16 der »Presse am Sonntag«.

Fotografie: Fred Einkemmer
www.einkemmer.com

Bildbearbeitung: Peter Neurauter
www.peterneurauter.at

Idee und grafische Realisation: Circus